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Forum: "Schulanfänger - was ist nötig und woher bekommen sie es? "
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 | Schulanfänger - was ist nötig und woher bekommen sie es? |  | von: julia17

erstellt: 13.04.2018 11:04:21 |
Durch eine Diskussion zum Lesen- und Schreibenlernen hier bei 4tea habe ich festgestellt, wie wenig ich als Gymnasiallehrerin eigentlich darüber weiß. Besonders interessant finde ich, welche Voraussetzungen ein Kind (oder Erwachsener?) mitbringen sollte, damit es erfolgreich Schreiben/ Lesen/ Rechnen lernen kann. Deshalb starte ich hier diesen Faden. Am liebsten hätte ich konkrete Zusammenhänge. In der erwähnten Diskussion wurde z.B. gesagt, dass das Krabbeln im Kleinkindalter notwendig sei, um die (für's Schreibenlernen nötige) Koordinierung der Gehirnhälften zu verbessern. Vielleicht geht es sogar noch konkreter? So in der Art: Für's Schreibenlernen ist XYZ nötig. Das wird unter anderem durch Krabbeln, Klettern auf Bäume oder Hüpfen in Pfützen geübt. Meine Bitte an euch: Schreibt mir solche Zusammenhänge auf. Was sollten Kinder im Vorschul- oder Kleinkindalter machen (dürfen), um welche Voraussetzung für das Lesen-/ Schreiben-/ Rechnenlernen zu entwickeln? |
 | Schreiben lernen |  | von: janne60

erstellt: 13.04.2018 11:15:02 geändert: 13.04.2018 11:15:59 |
Voraussetzung für das Schreiben (egal ob richtig oder falsch) ist die entwickelte Feinmotorik der Hände und Finger . Diese wird geschult durch vielfältiges Tun wie Kneten, Papier reißen oder knüllen, Fäden verknüpfen, Perlen auffädeln, Puzzeln usw. Man kann damit ganz früh beginnen. Da die Hände zunächst noch sehr weiche Knochen haben, die erst später zusammenwachsen, beginnt man mit groben dicken Stiften wie Wachs oder Straßenkreide und großen schwingenden Bewegungen. Mit der Zeit werden die Schreibgeräte feiner und damit auch die Bewegungen und Linien. Vom ungeführten Gekritzel kommt das Kind dann zum geführten Malen, Zeichnen, Ausmalen und später zum Schreiben. Ist es das, was du meinst? |
 | Phonologische Bewusstheit, Wahrnehmung |  | von: palim

erstellt: 14.04.2018 13:20:52 |
Voraussetzungen fürs Lesen und Schreiben sind unterschiedliche Wahrnehmungsleistungen (Stichwort Phonologische Bewusstheit, Raum-Lage-Wahrnehmung u.a.) Diese kann man sicherlich fördern mit Liedern und Reimen, Rhythmus, Bewegung, Puzzle uvm. ABER es gibt eben auch Kinder, die in diesem Bereich besonders starke Auffälligkeiten zeigen bzw. einen erheblichen Mehrbedarf an Übungen haben, bis die Vorläuferfähigkeiten genügend ausgebildet sind. |
 | Wortschatz |  | von: palim

erstellt: 14.04.2018 13:26:05 |
Wenn es dann an das Lesen selbst geht, arbeiten sehr viele Materialien mit begrenztem Buchstabenmaterial, aus dem alle möglichen Wörter gebildet werden. Diese Wörter sind zunächst häufig Konkreta, sodass die Kinder mit dem Wort bei der Sinnentnahme einen Gegenstand verknüpfen können, dabei gibt es Aufgabenformate mit Wort-Bild-Zuordnungen, Lese-Mal-Aufgaben u.a. Ein beschränkter Wortschatz führt dazu, dass die Kinder die Wörter womöglich entziffern, aber nicht verknüpfen können, weil ihnen Wörter wie "Nest" oder "Tal" nicht geläufig ist. Dann wird der Leseerwerb gleichzeitig zum Spracherwerb, nicht nur bei Kindern mit Migrationshintergrund, sondern auch bei vielen anderen, deren Wortschatz auf wenige alltägliche Wörter begrenzt ist und die von den Wörtern zunächst eine Vorstellung entwickeln müssen. Hilfreich wären Gespräche mit den Kindern, Erläuterungen zur Lebensumwelt und Vorlesen vor der Einschulung. |
 | Artikulation |  | von: palim

erstellt: 14.04.2018 13:34:37 |
Auffallend viele Kinder kommen auch mit Störungen in der Aussprache zur Schule. Während es früher als "bedenklich" und "therapiewürdig" eingestuft wurde, wenn ein Kind bis zur Einschulung noch lispelte, wird dies inzwischen anders gesehen. Kommt der Zahnwechsel kann zudem in der Zeit nur schwerlich daran gearbeitet werden. Auffällig sind meines Erachtens am ehesten Verwechslungen von t-k, s-Laute, Buchstabenverbindungen wie dr-gr oder gr-gl Spricht das Kind nicht deutlich, fällt es ihm schwer, Laute auseinanderzuhalten - siehe phonologische Bewusstheit. Die Aufforderung, danach zu fühlen, was die Zunge täte, geht ins Leere, weil die Wörter nicht richtig gesprochen werden ... oder weil die Kinder diese Empfindung gar nicht haben und nur mit Mühe und Übung erlangen. Förderung müsste VOR der Einschulung greifen. Früher hatten wir zudem eine Stunde der Förderschullehrkraft speziell für Sprache, die sich um diese Kinder kümmerte, meist im Laufe des 1. Schuljahres - wohlgemerkt ohne Inklusion. Die Stunde ist längst gestrichen und würde auch für die vielen Kinder nicht mehr ausreichen. |
 | Wortstrukturen |  | von: janne60

erstellt: 14.04.2018 18:23:37 geändert: 14.04.2018 18:23:59 |
Ganz wichtig für den Leselernprozess sind im Vorfeld Erkenntnisse über die Rhythmik der Sprache. Damit Kinder Wörter in Silben zerlegen können, müssen sie zuerst erfahren, was Silben überhaupt sind. Dazu gehören die uralten Verse wie "Bak-ke bak-ke Ku-chen,...", zu denen rhythmisch geklatscht wird, man kann auch Wörter abhorchen und dazu klatschen, trommeln, stampfen, hüpfen, springen: Man-tel (2x klatschen), Re-gen-bo-gen (4x klatschen usw.) Vormachen, nachmachen, dann selbst weitere Beispiele finden lassen,........ die Übungsmöglichkeiten sind schier unerschöpflich. |
 | Aus meiner Sicht |  | von: caldeirao

erstellt: 14.04.2018 22:49:59 geändert: 14.04.2018 22:58:39 |
ist auch das positive Vorbild ganz wichtig- sprich Vorlesen, Buchbesprechung usw. Für das erfolgreiche Lernen sind auch Kompetenzen wie Gleichgewicht halten, im koordinierenden Bereich, die Lateralität usw. wichtig. Was Janne schreibt, mit dem Klatschen, Rhythmus finden usw. halte ich auch für sehr wichtig. Ich weiß jetzt nicht, ob Du für die Entwicklung Deiner eigenen Kinder fragst. Ich empfehle den Eltern in der 0. Elternversammlung auch immer, dass sie mit ihren Kindern z.B. Würfelspiele spielen und in dieser Zeit wird dann das Spiel gespielt und nichts anderes und das auch bis zum Schluss. Das bereitet die Kinder darauf vor, an einer Sache zu bleiben, eigene Bedürfnisse zurückzustellen und zielgerichtet zu arbeiten. |
 | Warten - Ausprobieren - Scheitern |  | von: palim

erstellt: 15.04.2018 13:37:38 |
"Ich empfehle den Eltern in der 0. Elternversammlung auch immer, dass sie mit ihren Kindern z.B. Würfelspiele spielen und in dieser Zeit wird dann das Spiel gespielt und nichts anderes und das auch bis zum Schluss. " Guter Tipp, der zudem mathematische Kompetenzen (Würfelbilder, 1:1-Zuordnung u.a.) schult, zudem Regeln einhalten, Reihenfolge, verlieren uvm. Auch WARTEN KÖNNEN ist etwas, das Kinder lernen können, wenn nicht immer sofort jeder die Bedürfnisse des (einzelnen) Kindes befriedigt. In Gruppen und Klassen zu Schulbeginn ist es schwierig, den Kindern zu vermitteln, dass sie nicht immer und sofort an der Reihe sind und dass sich die Lehrkraft tatsächlich auch anderen Kindern zuwendet und nicht allein für sie zuständig ist. Eben solches Unverständnis zeigen einige Kinder, wenn man erwartet, dass sie eine Aufgabe SELBST versuchen, so gut sie es können, ohne dass man ihnen die Hand hält, den Stift führt und jeglichen Ansatz über Gebühr lobt. Man darf etwas probieren, auch wenn man es noch nicht perfekt kann, sondern noch lernen muss. UND man darf auch mal etwas NICHT können oder FEHLER machen, ohne dass die Welt untergeht oder man die Arbeit sofort einstellt. Wünschenswert ist demnach, dass man Kinder ermuntert, etwas zu bewältigen und beim Scheitern einen weiteren Versuch initiiert. |
 | Und deshalb |  | von: janne60

erstellt: 15.04.2018 17:01:54 |
halte ich es in meinen Klassen so, dass wir die Fehler einladen! Ich schreibe dazu das Wort Fehler an die Tafel und baue es um zu dem Wort Helfer (es ist ein Anagramm). Somit stellen wir fest: Fehler sind Helfer! Fehler helfen uns, Dinge neu oder anders zu überdenken oder zu bearbeiten, deshalb wird auch nie ein Kind für einen Fehler geschimpft, sondern bedankt. Was ihr schreibt zum Warten können, gehört zur wichtigsten Lektion, die ein Kind zu lernen hat: Das Entwickeln von Frustrationstoleranz. Nichts braucht man im Leben so häufig wie das Aushalten, dass eine Sache nicht so läuft, wie man das gerne hätte. Und wie caldeirao schreibt, lässt sich das mit Spielen gut trainieren. Überhaupt kann man auf allen Ebenen trainieren, dass man gerade mal nicht dran ist oder dass man mal abwarten muss, z.B.: Diese unsäglichen "Geschwisterschultüten" finde ich echt dumm. Wenn die 6-jährige Leni in die Schule kommt, warum muss dann der 4-jährige Bruder Max eine Minischultüte bekommen? In 2 Jahren ist er doch selber Schulkind. Wenn Moritz, Neumitglied im Fußballverein, nicht sofort nach 3 Wochen zum Pokalspiel aufgestellt wird, dann heißt es abwarten und erstmal trainieren, bis man gut genug ist. Es heißt nicht, den Verein zu wechseln, Judo anzufangen, wo man sich nach 3 Wochen ereifert, weil man nicht sofort den schwarzen Gürtel bekommt. Dasselbe gilt für das Erlernen von Musikinstrumenten, das Ausredenlassen von Menschen, die gerade im Gespräch sind usw., ihr wisst, was ich meine. |
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