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Forum: "Politische Korrektheit"
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 | @ fruusch |  | von: hesse

erstellt: 05.06.2021 08:45:48 |
Nur um Mißverständnisse zu vermeiden: Weder bin ich ein Gegner der Grünen (ganz im Gegenteil), noch unterstelle ich der Grünen Jugend, sie behaupte, der Ort sei rassistisch geprägt. Übrigens: Obwohl sie die Bedeutung des Ortsnamens sehr wohl kennen, halten sie doch an dieser irrsinnigen Forderung fest. Auch wenn Du mich unter diejeinigen zählst, die nichts verstanden haben (wobei ich hoffe, Du unterstellst mir dies nicht, sondern akzeptierst, daß ich, wie janne60 schreibt, einfach eine andere Meinung dazu habe): Weshalb sollte der Name des Orts vor diesem Hintergrund problematisch sein? Hier gibt es m.E. wirklich nichts zu diskutieren. Wenn wir mit so etwas anfangen, wo soll das enden? Das ist doch wie Hase und Igel. "Trotzdem können Wörter - und damit auch Namen - im Laufe der Jahrhunderte neue Bedeutungen bekommen, wenn ihre ursprüngliche Bedeutung in Vergessenheit gerät, weil z.B. die Sprache aus der sie stammen, von kaum jemandem mehr gesprochen wird oder sie sich durch Lautverschiebungen verändert haben (mein Heimatort "Möhrendorf" hat etwa sprachgeschichtlich rein gar nichts mit Wurzelgemüse zu tun)." Da gebe ich Dir recht, aber auch von den evtl. "Betroffenen" erwarte ich bei allem Verständnis für sie, daß sie sich ggf. die Mühe machen sich zu informieren, woher der Name stammt. Auch hat das etwas mit Respekt zu tun - nämlich den Einwohnern des betroffenen Ortes und ihrer Geschichte gegenüber. LG Hesse |
 | @fruusch - die Macht der Beleidigten sollte nicht absolut werden |  | von: amann

erstellt: 05.06.2021 11:51:36 geändert: 05.06.2021 11:54:32 |
Mir bricht kein Zacken aus der Krone, das Gendersternchen mitzusprechen und zu schreiben, wenn ich dadurch einer Person ohne bestimmtes Geschlecht einen Gefallen tue, weil diese Person sich dann von mir angesprochen fühlt - anstatt bei "sehr geehrte Damen und Herren" ausgeschlossen. Anfangs fiel es mir zugegebenermaßen etwas schwer, inzwischen habe ich mich schon ziemlich dran gewöhnt und es kommt mir immer normaler vor.
Ja, dies ist der bekannte Argumentationsgang für die *-Sprechweise. Wenn du es tatsächlich auf die "Personen ohne bestimmtes Geschlecht" beziehst, so sollte man im Blick haben, dass es extrem wenige von ihnen gibt. Es gibt eine Auseinandersetzung über die Häufigkeit, die überaus deutlich macht, dass hier nicht wissenschaftlich, sondern interessenpolitisch gehandelt und auch getrickst wird - Die Häufigkeitsschätzungen geht um den Faktor 100 auseinander (siehe https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12476264/ und https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/102938/Zahl-der-Menschen-mit-drittem-Geschlecht-geringer-als-angenommen) Gibt es denn in D überhaupt eine "Lehrkraft", die nicht männlich oder weiblich ist?? Mir scheint offensichtlich, dass die Diversen / Intersexuellen nur vorgeschoben werden, bei allen mir bekannten Aktivisten handelt es sich um eine empfundene oder operativ entstandene, keine somatisch-medizinische Andersartigkeit. Doch ich lerne gerne dazu. Man kann nicht von einer viele Millionen umfassenden Sprachgruppe einfordern, dass sie ihre Sprechweise ändern müsse, weil einige wenige diese als ungerecht oder beleidigend empfinden könnten. Bei objektiv vorliegenden Beleidígungen, Abwertungen oder Ausgrenzungen sind solche Forderungen natürlich berechtigt. Aber das ist hier ja nicht so. Über Jahrhunderte war klar, dass mit Franzosen, Bauern, Bürgern usw. alle gemeint sind, unabhängig vom Geschlecht, und auch heute ist das jedem klar, die traditionelle Sprache grenzt niemanden aus. Sich ein- oder ausgeschlossen Fühlen, das kann kein Kriterium sein, man durchdenke das doch mal für andere Fälle! Die philosophische Prämisse stimmt nicht. Muss ich einem Menschen seine Forderungen erfüllen, nur weil er sich sonst benachteiligt, zu wenig geachtet oder wertgeschätzt fühlen würde? Wir brauchen doch eine objektive Basis dafür, ob Forderungen berechtigt sind, sonst steht dem Missbrauch die Tür offen! |
 | Im Ernst: Würde man von mir verlangen, Gendersternchen mitzusprechen, |  | von: lupenrein

erstellt: 05.06.2021 12:32:10 geändert: 05.06.2021 12:32:49 |
hätte ich das Gefühl, zu stottern. Unsere Sprache hat sich mit all ihren Facetten und Dialekten in den einzelnen Gegenden dieses schönen Landes im Laufe der Jahrhunderte entwickelt und die Menschen sprechen so, wie "ihnen der Schnabel gewachsen ist". Bei Gendersternchen , Schrägstrich und was dergleichen "Stotterhilfen" anbelangt, hat man eher das Gefühl, daß jemand der Welt die Schnäbel krummbiegen will. Meine Frau lacht sich seit Jahren schlapp, wenn sie hört, daß durch derlei "Gewürge" die Gleichberechtigung der Frau erreicht werden soll. Da sind mir die Bestrebungen, mehr Frauen in Vorstände zu hieven bei gleicher Befähigung wie Männer deutlich praxisnäher. Ich verstehe übrigens auch nicht, warum bei einer Frauenquote in der Lehrerschaft von über 70% mit entsprechender weiblicher Präsenz in den schulischen Führungsebenen Gleichstellungsbeauftragte immer noch ausschließlich weiblich sind. Ich habe das mal angesprochen - da war aber der Bär/die Bärin los, sage ich euch... |
 | zu lupenreins |  | von: janne60

erstellt: 05.06.2021 12:56:47 |
Beispiel mit dem Lehrpersonal fällt mir auch nur ein, dass seit jeher der (bei uns 90%-ige) Frauenanteil der Lehrkräfte ohne zu murren ins Lehrerzimmer geht ohne dass jemals eine aufbegehrt hätte und ein Lehrerinnenzimmer draus gemacht hätte. Klar kann man sich hinstellen und behaupten, das generische Maskulinum würde die Frauen ausschließen. Das stimmt jedoch hinsichtlich der Sprachentwicklung nicht. Es wird einfach seit einiger Zeit nur behauptet. Ärzte, Lehrer und Ingenieure sind zunächst Menschen, die Medizin, Lehramt oder Ingenieurwesen studiert haben. Es wird behauptet, Mädchen würden nicht so oft Ingenieurberufe ergreifen, weil man mit dem Wort Ingenieur nur Männer assoziiert. Hähh? Die Studie möchte ich noch erleben, in der es sich erweisen wird, dass sich der Anteil weiblicher Ingenieure erhöht, wenn wir ab sofort beide Geschlechtsformen nennen. In meinem Bekannten- und Freundeskreis gibt es Frauen, die Ärztin, Oberstudienrätin, Schulrätin, Mathematiklehrerin, Maschinenbauingenieurin, Schreinerin oder auch Zerspanungstechnikerin geworden sind, einfach, weil sie es wollten und konnten, und die stammen alle aus einer Zeit, als Stellenanzeigen ausschließlich das generische Maskulinum verwendeten. Ein Studierender ist in der Wortbedeutung was anderes als ein Student (den 1. treffe ich ausschließlich in der Bibliothek an, den 2. auch in der Kneipe - dieser Gedankengang stammt übrigens von Goethe.), ein Mitarbeitender ist nicht dasselbe wie ein Mitarbeiter. Mag sein, dass es politisch korrekt ist, sprachlich auf jedermanns Befindlichkeit Rücksicht zu nehmen. Ich empfinde es umgekehrt als Rücksichtslosigkeit, wenn Texte (auch Verwaltungsvorschriften) oder Vorträge durch die ständige Nennung aller möglichen Genderformen so sperrig aufgebläht werden, dass ich inhaltlich kaum noch folgen kann. |
 | Gebe dir |  | von: ysnp

erstellt: 05.06.2021 14:29:42 geändert: 06.06.2021 19:21:08 |
vollkommen Recht, janne! Als "Lehrer" habe ich mich immer angesprochen gefühlt, obwohl ich weiblich bin. Ich finde es sogar gut, wenn alle Möglichkeiten unter einem Begriff zusammengefasst sind. So ist es doch auch im Englischen: Nur wenn man das Geschlecht besonders betonen will, dann setzt man eben Zusatzwörter dazu. "Schwarzer" darf ich nicht mehr sagen, aber "Weißer" sagt man weiterhin. Die Wörter "Neger" und "negro" kommen vom lateinischen Begriff "niger" und das bedeutet "schwarz". Das "Nigger" ein Spottname ist, ist allgemein bekannt. Der Begriff "Mohren" wird bekämpft, obwohl er vom Volk der Mauren kommt, die eine geschichtliche Bedeutung haben. Dürfen wir dann irgendwann nicht mehr Araber sagen? Leben wir denn noch in den Zeiten der Kolonialherrschaft? Dann dürften wir konsequenterweise auch nicht mehr "Juden" sagen, denn das war im 3. Reich negativ besetzt. In meinen Augen haben die Medien einen riesen Einfluss auf das Sprachgefühl und das darf nicht sein, dass wir uns dem beugen. Im Laufe der Jahre habe ich mitbekommen, wie das mit manchen Begriffen gelaufen ist. Plötzlich hat man die Kritik irgendwo gelesen oder öffentlich gehört - aber erst danach fanden die Betroffenen das auch nicht gut. |
 | @ amann lupenrein |  | von: hesse

erstellt: 05.06.2021 14:58:09 geändert: 05.06.2021 15:01:56 |
Ihr sprecht mir aus der Seele. @ janne60 und ysnp ebenso. LG Hesse |
 | ich verstehe nicht |  | von: fruusch

erstellt: 06.06.2021 14:26:27 |
warum immer wieder das Argument kommt, man "dürfe nichts mehr sagen". Das ist doch Blödsinn. Ihr dürft alles sagen (was nicht strafrechtlich verfolgt wird), ihr müsst nur damit leben, dass es Leute gibt, denen das nicht gefällt, was ihr sagt bzw. wie ihr es sagt. Ihr seid nicht die armen unschuldigen Opfer einer "modernen, von den linken Medien erzwungenen Sprachverhunzung", der ihr euch unter Strafandrohung beugen müsst. Im Gegensatz dazu gibt es aber durchaus viele von Rassismus und Sexismus Betroffene - und die gehen tatsächlich in die Millionen, allein bei uns in Deutschland. Es zeichnet eine Gesellschaft aus, wie sie mit ihren Minderheiten umgeht. Dass diese ausgerechnet beim Berufsstand der Lehrer*innen deutlich unterrepräsentiert sind, ist eines der Phänomene, dass wir in diesem Land noch einen weiten Weg vor uns haben. |
 | Warum wird man |  | von: janne60

erstellt: 06.06.2021 14:45:19 |
als Gegner einer künstlich aufgeblähten Sprache immer gleich in die Ecke für Rassisten, Unbelehrbare und Unterdrücker gestellt? In der Praxis habe ich z.B. eine Vielzahl an Elternbriefen zu verfassen, ein Großteil davon wird uns vom Ministerium durchgereicht zur Weiterverteilung. Wenn ich nun diese oft mehrseitigen Schreiben ungefiltert weitergeben würde, an unsere in der Elternschaft zahlreich vorhandenen Migrantinnen und Migranten, Einwanderinnen und Einwanderer, Ausländerinnenn und Ausländer, schwache Leserinnen und Leser, bildungsferne Frauen, Männer und Diverse...(lufthol) dann kämen diese Informationen weder an geschweige denn würden sie verstanden oder gar befolgt werden. Daher neige ich dazu, sozusagen barrierefreie Texte bzw. Briefe in einfacher Sprache zu verfassen, und zwar aus Rücksicht und Respekt gegenüber den genannten Gruppen. Leute, die es wissen müssen, sagen, dass die deutsche Sprache sehr schwer zu erlernen sei. Und diese Ansicht gibt es länger als die Genderdiskussion. Warum diese Sprache nun also noch schwieriger zu lesen, zu hören und zu verstehen gemacht werden muss, erschließt sich mir nicht. |
 | Patriarchalisch? |  | von: palim
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erstellt: 06.06.2021 14:56:27 |
Ich ziehe mal zwei Zitate heraus. Amann schreibt: "Was du hier nennst, sind Behauptungen, Deutungen feministischer Aktivistinnen und Professorinnen aus den 70er Jahren. Während meiner Studienzeit wurde das ausführlich diskutiert, und es gab eine breite Mehrheit, die diese Sichtweisen ablehnte. Erst über mehrere Jahrzehnte der Agitation an den Universitäten und in einigen Parteien hat sich diese Geschichts- und Sprachdeutung so weit verbreitet, dass in der Sphäre der Sozialwissenschaften, des Journalismus und einigen Teilen der Wirtschaft neue Überzeugungen entstanden sind. In der Gesamtbevölkerung wird die feministische Geschichtsdeutung und die feministische Sprachkritik weiterhin mehrheitlich abgelehnt." halb27 meint: "Dass Frauen in der Vergangenheit (und teilweise heute: siehe z.B. kathol. Amtskirche) nicht angemessen gewürdigt wurden bzw. werden und bestenfalls begrenzten Zugang zu vielen gesellschaftlichen Bereichen hatten, das ist der Skandal." Offenbar besteht ja immer noch der Bedarf, Frauen (und Diverse) in der Sprache sichtbarer zu machen, damit sie angemessen gewürdigt und benannt werden. Dazu gehört, sich über Sprache, ihre Bedeutung und - wie fruusch es erläutert - ihre Wirkung bewusst zu sein und dies differenziert zu betrachten. Das mag man als "feministisch" abtun und ja, es wird weiterhin von vielen in der Gesamtbevölkerung abgelehnt, nicht nur von einigen, die in den 70ern studiert haben. Es manifestiert aber damit einmal mehr die Benachteiligung bestimmter Personengruppen. Nur weil dies die Mehrheit zu sein scheint, muss man es ja nicht gut finden. Ich verstehe, dass man politische Korrektheit anstrengend, verwirrend oder auch mal überzogen findet. Dabei hat sie aber durchaus ihre Berechtigung und bekommt durch die Diskussion um Gender-Sternchen oder -Doppelpunkte gerade Aufwind, aber auch in einer anderen Generation und in der Auseinandersetzung um Equal-Pay, Frauenquoten in Vorständen, Betreuungsleistung während der Pandemie etc. Mir erscheint das notwendig, um dem Ziel nach Gleichberechtigung näher zu kommen. Auch wenn die verfehlte Kritik am Ortsnamen komisch erscheint, sollte man sie nicht zum Anlass nehmen, politische Korrektheit und die Suche nach angemessenen Sprachformen zur Stärkung der Gleichberechtigung generell ins Lächerliche zu ziehen. |
 Beitrag (nur Mitglieder) |
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