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Forum: "Ökumenestrafe?"
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| Christlose Entlassung in Hildesheim | | von: bakunix
erstellt: 25.05.2007 17:14:33 geändert: 25.05.2007 17:15:41 |
Hier könnt Ihr den Fall der Religionslehrerin, der gekündigt worden ist ("Christlose Entlassung") nochmals im Detail nachlesen.
http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,484806,00.html
In Hildesheim scheint ein Erdbeben der Empörung die Kirche durchzurütteln. "Scheinheilig" nennen Eltern und Lehrer die entlassende Kirche. |
| Medien und Sensationsgier | | von: rhauda
erstellt: 26.05.2007 09:27:22 geändert: 26.05.2007 09:36:10 |
In der letzen Woche war ich bei einem schulbezogenen Seminar im Religionspädagogischen Institut Loccum (loccum ist das ZENTRUM der Evengelisch-Lutherischen Landeskirche, also dort kamen die Infos aus erster Hand von der Vizefrau, die im Rang direkt nach der Bischöfin steht).Sie erzählte folgendes:
Bei ihr zu Hause klingelte es und ein Fernsehteam stand vor der Tür. Mikrofon ins Gesicht gehalten und gefragt: "Was halten Sie davon, dass die Ökumene nun am Boden liegt?"
Sie wusste in dem Moment gar nicht, worum es geht.
Weitere Frage: "Der Lehrerin in Hildesheim ist doch gekündigt worden, weil sie evangelischen RU erteilt hat."
Sie erzählte uns dann, dass sie das Team weggeschickt habe, mit der Info, dass die Kündigung nichts, aber auch gar nichts mit dem Erteilen evangelischen RUs zu tun habe.
Antwort des NDR-Reporters: "Also ist es wahr und Sie wollen das nur nicht zugeben. Wir wissen Bescheid!"
Aussage der Dame: "Wenn die Lehrkraft evangelischen RU gegeben hat, so ist das wohl ein Vertragsbruch, aber das hätten wir ganz locker zwischen den Kirchen geregelt und die Sache wäre nie so eskaliert. Sie können uns glauben, dass wir da sehr gut zusammenarbeiten."
SO kommen die Artikel zustande, auch die polemischen aus dem Spiegel.
Auch ich sehe die harte Reaktion des Bistums Hildesheim unter christlichem Aspekt als fragwürdig an. Die Kirche hat m.E. überreagiert.
Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Kollegin über Jahre hinaus gegen ihren Arbeitsvertrag verstoßen hat. Sie hat NICHT den Job gemacht, für den sie bezahlt wurde. Um hier ein wenig technisch zu werden:
Eine Schule hat Bedarf von 12 Stunden Kath RU und keine Lehrkraft dafür. Sie meldet den Bedarf an die Landesschulbehörde, die macht einen Vertrag mit dem Bistum. Die Lehrkraft kommt und unterrichtet 6 Stunden kath. RU und 6 Stunden fachfrem Geschichte, AW etc. Dann sind effektiv 6 Stunden RU nicht erteilt worden. DORT ist das Problem.
Nun kann man sagen, das ist ein Fehler im System, es wird ständig sanfter Druck ausgeübt, eventuell langweilt man sich auch mit NUR Religionsunterricht und wenn man noch andere Fächer unterrichtet, fühlt man sich als "besserer" Lehrer. Der Spekulationen für die Gründe gibt es viele. Es bleibt ein Vertragsbruch.
Unverfroren finde ich einige der Argumentationslinien in dem Spiegel-Artikel:
Angelika Lünig, die weder Geschichte noch Politik oder das ebenfalls in Gesellschaftslehre integrierte Fach Geographie studiert hatte, brachte Schülern der Klassen fünf bis zehn das harte Leben im Mittelalter nahe, erklärte, warum Wüsten entstehen, vermittelte als gelernte Handwerkerin im Fach Wirtschaft und Technik auch praktisches Wissen.
Hier gibt es neben dem Problem der Kirche mit dem Vertragsbruch ihrer Lehrkraft auch noch eine andere Dimension: ausgebildete studierte Fachkräfte stehen auf der Straße, während Leute, ohne Fakultas, ohne Pädagogikstudium und ohne Fachdidaktik unterrichten, was gerade so passt.
Gerade vor dem Hintergrund, dass hier einige Diskutanten die mangelnde Pädagogikausbildung der katechetischen Lehrkräfte für IHR FACH anprangern, macht eine Aufregung darüber, dass sie wegen anderer unterrichteter Fächer gekündigt wurde völlig unglaubwürdig.
Gerade vor dem Hintergrund, dass sich über die mangelnde Beteiligung von Personalräten bei der Bestellung von RU-Kräften beschwert wird, ist die Aufregung um so lächerlicher, weil genau diese "ungeprüften" Leute dann auch noch zig andere Fächer unterrichten.
Dass Schüler und Eltern in solchen Fällen ganz schnell mit Demos bei der Hand sind, ist doch ein alter Hut. Die sind schnell zu instrumentalisieren.
Wenn wir in Zukunft solche Fälle vermeiden wollen, dann müssen wir uns auch mehr Flexibilität gefallen lassen:
Das Dienstrecht muss verändert werden, die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen angepasst werden.
Wenn wir das wollen - schön. Da muss man dann über die Gewerkschaften um Veränderungen kämpfen. Ob es sinnvoll ist, den Lehrerberuf, für den viele lange studiert haben und zwei Staatsexamen abgelegt haben, für alle und jeden mit jeglicher Qualifikation zu öffnen, das ist wohl eine neue Diskussion.
Bis dahin haben sich alle an das Dienstrecht zu halten. |
| und wo ist das Argument auf die Ausgangsfrage? | | von: rhauda
erstellt: 26.05.2007 15:24:49 |
Das Problem liegt im System: Es dürfte gar kein Dienstverhältnis im Lehrbetrieb geben, das von undemokratischen weltanschaulichen Gruppen abhängig ist. Es ist nicht systemkonform, dass sich der Staat die Kontrolle über den Unterricht in diesem Bereich aus der Hand nehmen lässt.
Das kann man durchaus so sehen, und dann wäre es an der Gesellschaft, das über die politische Schiene geradezurücken, wenn einem dieses System nicht gefällt. Da geht man die üblichen Wege und sucht sich Verbündete. Es scheint nur so, dass diese Sache eher ein Nebenschauplatz ist und es wichtigere Dinge gibt, die in unserem Schulsystem nicht laufen, sonst wären dort ja schon lange Leute tätig geworden.
Was mich einfach enorm nervt, ist die kritiklose Übernahme irgendwelcher Medienmeldungen, dann das Hyperventilieren, wenn man irgendwo eine vermeintliche "Schandtat" entdeckt, und das alles, ohne auf der Sachebene zu bleiben. Besonders wenn es gegen die Kirche geht, passt vielen das ganz besonders in den weltanschaulichen Kram.
Dann werden eben in dieser ganzen Diskussion verschiedene Problemebenen zu einem Einheitsbrei verquirlt, der dann bei weniger informierten Leuten in der Öffentlichkeit einen Empörungsschrei verursacht. Das ist armselig und ich finde, hier sollten wir in der Lage sein, etwas differenzierter und informierter zu argumentieren.
Wir haben einen Ist-Zustand, der vertraglich geregelt ist. An diesen Ist-Zustand haben sich rechtlich alle Seiten zu halten. Wenn sie das nicht tun, gibt es eben rechtliche Probleme.
Was gar nicht geht, ist, bei einem laufenden Verfahren mit dem gewünschten Zustand zu argumentieren.
Schon gar nicht geht es, Grundsatzdiskussionen mit anekdotischen Beweisen führen zu wollen (wie bei der Lehrkraft, die nicht die vertragliche Stundenzahl unterrichtet. Wo kein Kläger, ist kein Richter. Wenn das einem Kollegium nicht passt, muss es eben tätig werden.)
Die verschiedenen Problemebenen auseinanderzu puzzlen, kann ja ganz hilfreich sein. In der Tat stellen sich viele Fragen, was katechetische Lehrkräfte an Schulen betrifft. Dann sollte das auch grundsätzlich diskutiert werden und nicht am unpassenden Beispiel der Lehrkraft aus Hildesheim.
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| Schandtat folgt auf Schandtat | | von: bakunix
erstellt: 27.05.2007 21:02:20 geändert: 27.05.2007 21:07:54 |
rhauda schreibt: „Was mich einfach enorm nervt, ist die kritiklose Übernahme irgendwelcher Medienmeldungen, dann das Hyperventilieren, wenn man irgendwo eine vermeintliche >Schandtat< entdeckt, und das alles, ohne auf der Sachebene zu bleiben. Besonders wenn es gegen die Kirche geht, passt vielen das ganz besonders in den weltanschaulichen Kram.“
Nehmen wir uns grad mal `ne weitere Schandtat vor, die kürzlich in Südamerika sich ereignet hat als das Oberhaupt der rk-Kirche die Indigenas beleidigt und herabgesetzt hat, indem er behauptete, die katholische Kirche hätte die Ureinwohner erlöst. Während der Zwangsmissionierung sei es zu keiner „Besetzung oder Auferlegung durch eine fremde Kultur" gekommen. Die Lehre sei vielmehr die Rettung gewesen, die sich die Indios im Stillen herbeigewünscht hätten.
Jecinaldo Satere Mawe, Leiter des Amazonas-Stammes Coiab, sagte dazu: „Es ist arrogant und respektlos, unser kulturelles Erbe als zweitrangig zu bewerten.“ Sandro Tuxa wies als Koordinator der nordöstlichen Stämme die Worte des Kirchenführers ebenfalls zurück: "Zu sagen, dass die kulturelle Dezimierung unserer Volkes eine Reinigung darstellt, ist beleidigend und - offen gesagt - beängstigend".
Während der von der katholischen Kirche unterstützten Kolonialisierung Lateinamerikas durch die Europäer starben Millionen von Ureinwohnern durch Massaker, Krankheiten und die Folgen von Versklavung. So kann man Geschichte päpstlich umdeuten.
Und das alles hat auch mit der suspendierten Lehrerin zu tun, die aus diesem Verein kommt. Hier wird nix durcheinandergebracht oder in anekdotische Scheinbeweise verpackt, die als armseliger Einheitsbrei daherkommen, um rhaudas Sprachduktus aufzunehmen, hier geht es um Politik und Macht, die an dieser Kollegin demonstriert werden.
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| @bakunix | | von: silberfleck
erstellt: 27.05.2007 21:55:50 |
Um das ausgangsproblem zu lösen, fände ich es sinnvoll nicht einfach alles, was dich anscheinend zur Zeit an Kirche ärgert, in einen Topf zu werfen.
Tatsache ist:
1. Es gibt ein Grundgesetz. In diesem wird die Religionsfreiheit verankert.
2. Im Grundgesetz ist außerdem die Freiheit der Lehre der Kirchen und damit ihr Einfluss auf den Religionsunterricht verankert.
3. Es gibt einen Staatsvertrag zwischen Staat und Kirche. An diesen Vertrag halten sich beide Seiten, solange bis (mindestens) eine Seite ihn kündigt. Anscheinend sind aber beide Seiten damit immer noch einverstanden, sonst wäre dies doch wohl schon geschehen.
4. Es gibt Arbeitsverträge. Und auch an diese haben sich beide seiten zu halten.
Es hilft leider nicht weiter alles in einen Topf zu werfen. Auch wenn ich die Rede des Papstes in Punkto Christianisierung so nicht teile, gibt es andere Aspekte, die ich durchaus teile.
Natürlich lassen sich heutige Konflikte auch geschichtlich betrachten, aber du willst doch nicht allen Ernstes behaupten, dass der Papst persönlich "schuld" ist (außer an seiner eigenen Rede)?
Du bewertest heute geschichtliche Tatsachen anders als es die Menschen jener Zeit taten, aber wie werden unsere Nachkommen unsere Taten bewerten?
Du stellst alles, was Kirchen und ihre Mitarbeiter/ Mitglieder tun als zumindest fragwürdig, teilweise als für dich falsch /unpassend dar. Lässt du dich von anderen in der gleichen Weise bewerten?
Wie viele Menschen tun Gutes im Namen der Kirchen /ihrer Religionsüberzeugung? |
| Innere Spaltung | | von: bakunix
erstellt: 28.05.2007 20:43:43 geändert: 28.05.2007 20:54:58 |
Ich kann diese innere Spaltung, die man unbedingt benötigt, um sein theologisches Konzept vor sich selbst vertreten zu können, einigermaßen nachvollziehen. Müsste man sich doch sonst täglich fragen: Wie halte ich es in einer Glaubensgemeinschaft aus, die die Errungenschaften der Aufklärung ständig negiert bzw. mit nachgezogenen Berichtigungen, wenn’s gar nicht mehr anders geht, ihre Glaubensgrundlage neu exegiert. Es ist in der Welt der wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht einfach, die einmal an einen bestimmten Kreis von Menschen gebundene einmalige übernatürliche Offenbarung, die den übrigen Mitgliedern der Menschheit nur noch über eine teilweise schriftlich fixierte Tradition zugänglich ist, weiterhin aufrecht zu erhalten. Das wird zum psychologischen Problem und der Wadenbeißer, der einem innewohnt, kommt hervor, indem man schreibt: „Die Essenz deines letzten Beitrags lautet also: >Weil Südamerika zwangsmissioniert wurde, darf man hier in Deutschland bestehende Verträge brechen."
Ist man in diesen Glaubenskreis (siehe auch den Islam) eingebunden, taucht regelmäßig die institutionelle Frage auf, welchen Personen gestattet ist, verbindliche Deutungen des Überlieferten manifestieren zu dürfen. Die Krönung des gemeinschaftstiftenden Handelns ist dann: Die Gemeinde stattet sich mit einer bestimmten Amtsperson aus, die das Deutungsmonopol zugesprochen bekommt („Wir sind Papst!“). Die direkte Konkurrentin, die protestantische Kirche, hat dieses Interpretationsmonopol beseitigt und sich auf die vorhandenen Texte beschränkt. Dies führte zu einer Vielfalt unterschiedlicher Lesarten und Auslegungen, die allerdings, wie auch bei der katholischen Kirche, nur ein Ziel haben: die Immunisierung der christlichen Glaubensüberzeugungen.
Wenn dann jemand daherkommt und im Fall der von der Kirche suspendierten Lehrerin nicht im Überzeugten-Chor mitschreit „Pacta sunt servanda!“, sondern die entstandene Situation einbettet in das System der theologischen, finanziellen und politischen Interessen, dann, ja dann wird ihm der symbolische Scheiterhaufen zugewiesen, indem er zum Schüler herabgewürdigt wird und die Zensur „Thema verfehlt“ erhält
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